Liebe, was ist...
Pia Martini
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29.06.2020

Erwartungsverhalten und seine Auswirkungen

Erwartungen sind Dominanzansprüche. 
Erwarten Sie nichts vom Leben. Es wird Ihre Herrschaft nicht dulden. Erfüllen Sie stattdessen, was das Leben von Ihnen erwartet. Dafür wird es Sie belohnen.

Das Leben hat Erwartungen geschaffen. Damit hat das Leben Sie bejaht und angenommen. Das Leben erwartet, dass auch Sie sich annehmen… und dass Sie das Leben so bejahen, wie sich das Leben Ihnen anvertraut.

Kann man denn nicht erwarten, dass…? Doch man kann alles erwarten, aber man muss nicht alles tun, was man kann.

Wer vollständig zur Welt gekommen ist, hat keine Ansprüche mehr. Wer welche hat, steckt noch im Geburtskanal.

Das Beste, was Sie von einem Anderen erwarten können ist, dass er sich treu bleibt.

Ein Wort macht den Unterschied:
So wird es kommen. So soll es kommen!

Erwarten und Bewirken
Erwarten ist das Gegenteil von Bewirken. 
Während die Erwartung eine passive Grundhaltung benennt, spricht das Bewirken vom aktiven Pol. Wie nicht anders zu erwarten, bewirkt das Bewirken mehr als das Erwarten.

1. Begriffsbestimmung
Der Begriff Erwartung besteht aus zwei Teilen: 
der Vorsilbe er- und dem Verb warten
Führt man sich vor Augen, was beide Teile bedeuten, gewinnt man Einblick ins Wesen einer problemträchtigen psychologischen Haltung: der Erwartung.

Er- signalisiert als Vorsilbe den Beginn eines Geschehens oder das Erfüllen eines Zwecks. Bei Verben, die mit er- beginnen, weist der auslautende Bestandteil auf das Mittel hin, durch das der Zweck erfüllt wird. Zweckerfüllung = Erwartung

- Will man ein Berg erklimmen, ist es das beste Mittel zum Zweck, 
   ihn zu ersteigen.
- Ernannt wird durch die Nennung eines Namens. Die Nennung 
   erfüllt den Zweck des Ernennens. 
   Namensgebung Sir Henry von Blumenstrauß = Zweckerfüllung
- Das Mittel zum Zweck des Ergreifens ist der Griff.
- Erleuchtet wird der Raum durch eine Leuchte.
- Den Sieg erringt man durch den Ringkampf.
- Dementsprechend spricht das Wort erwarten davon, 
   das ein Ziel, nämlich die Verwirklichung des Erwarteten 
   durch die Tätigkeit des Wartens erreicht werden 
   soll. Von dem Zeitpunkt an, ab dem man etwas erwartet, 
   braucht man zu dessen Verwirklichung nichts mehr zu tun.

Warten seinerseits geht auf das Hauptwort Warte zurück. 
Eine Warte ist ein Ausguck, von dem aus man Ausschau hält
ob eine Erwartung auf einer bloßen Vermutung beruht oder ob ein Anspruch dahintersteckt, zeigt sich, wenn die Erwartung enttäuscht wird.

Eine Erwartung, die sich als irrige Vermutung entpuppt, wird ohne emotionalen Aufwand korrigiert; oder die überraschende Erkenntnis des Irrtums führt gar zu Heiterkeit.

2. Vermutung und Anspruch
Definition: Antizipatorisch oder normativ
Von einer psychologischen Abhandlung kann man erwarten, dass sie sich an die Normen der wissenschaftlichen Wortwahl hält. Deshalb seien zwei Fremdwörter eingeführt: antizipatorisch und normativ.

Von einer antizipatorischen Erwartung spricht man, wenn man einen zukünftigen Ereignisverlauf für wahrscheinlich hält. Man geht davon aus, dass er eintrifft.

Eine normative Erwartung liegt vor, wenn man von einer Bezugsperson erwartet, dass sie sich in einer bestimmten Art verhalten sollte. Man besteht darauf, dass sie es tut.

Deutlicher wird das Wesen der Erwartung, wenn man ihre Varianten betrachtet. Hinter der Erwartung kann eine bloße Vermutung stecken oder ein Anspruch.

Als Mustermann im Urlaub zu den Eskimos aufbrach, erwartete er pralle Sonne, Bikinigirlys und Beach-Feeling pur. Als er beim Verlassen des Flughafens von einem Eisbären angegriffen wurde, war er bitter enttäuscht. Seine Erwartung basierte auf einer Vermutung. Er dachte, die Antarktis läge in der Südsee. Hätte er damals in Erdkunde beim alten Herr Meersalz bloß mal besser aufgepasst!

Mustermanns Erwartung war antizipatorisch.

Als Karl-Wilhelm zu seiner Vortragsreihe über die gerichtsmedizinische Abgrenzung der Eisbären­bissverletzung abreiste, hatte er erwartet, dass ihn die Inselbewohner bei der Ankunft mit Blumengirlanden überschütten. Da nichts dergleichen geschah, war er erschüttert. Unglaublich mit welch insularer laienbewusstsein man auf der Insel mit Ehrengästen umspringt. Hinter Karl-Wilhelms Erwartung steckte ein Anspruch.

Karl-Wilhelms Erwartung war normativ.

3. Erwartungen in zwischenmenschlichen Beziehungen

Erwartungen spielen in zwischenmenschlichen Beziehungen eine zentrale Rolle: entweder als Hypothesen, wie der Andere sich wahrscheinlich verhalten wird oder als Ansprüche, wie er sich verhalten sollte. 
Antizipatorische Erwartungen treffen umso eher zu, je besser man sich kennt.

Nach 25 Jahren Ehe war es Margot klar, dass Werner Körnerbrot nicht mögen wird. Sie kaufte in weiser Voraussicht nur ein halbes.
Normative Erwartungen werden umso problematischer, je enger eine Beziehung wird.

Hätte die Verkäuferin Margot statt des bestellten Körnerbrots Schokocroissants in die Tüte gepackt, hätte Margot auf ihrer Bestellung bestanden. Zum Glück war das nicht nötig. Die Verkäuferin erfüllte Margots Erwartung, ohne dass es zum Eklat kam, was dann gerne zu einer Kampfhandlung sich ausweitet.

Kampfhandlungen könnten allerdings ausbrechen, ginge Werner davon aus, dass Margot wissen müsste, dass er ausgerechnet heute ein Schokocroissant haben will.
Wussten Sie, dass Croissant auf Deutsch zunehmende Mondsichel heißt? Ich auch nicht. Erst jetzt habe ich bei Wikipedia den Hinweis darauf gefunden.

3.1. Konstellationen
Gibt es zwei Varianten eines Phänomens und könnte jede davon eintreffen oder nicht, ergeben sich vier Konstellationen.

4 Konstellationen
Variante : Vermutung
               Erwartung erfüllt oder nicht (+), 
               Psychosoziale Problematik (-) 
               Aus dem Alltag: 
               Heiko hatte erwartet, dass sich Bianka über die Einladung   
               zu seinem Geburtstag freut. Das tat sie auch.

Variante: Vermutung
               Erwartung erfüllt oder nicht (-) 
               Psychosoziale Problematik (-)
               Aus dem Alltag
               Bianka hatte gedacht, dass sich Heiko über den bunten      
               Pullover zum Geburtstag freut. Als er es nicht tat, tauschte 
               sie ihn gegen schwarze Socken um… 
               CAVE: den Pullover, nicht den Freund. 
               Hätte Bianka gekränkt reagiert, weil Heiko der 
               Pullover nicht gefiel, hätte hinter ihrer 
               Erwartung ein Anspruch gestanden: 
               dass Heiko ihr durch seine Begeisterung über 
               das Geschenk bestätigt, wie gut sie seine Wünsche 
               erraten kann. 
               Dann hätte sie womöglich ihn ausgetauscht: gegen Mark.

Variante: Anspruch 
               Erwartung erfüllt oder nicht(+)  
               Psychosoziale Problematik (+)
               Aus dem Alltag: Rainer erwartet, dass ihm Sonia morgens ein 
               gebügeltes Hemd bereitlegt. Solange sie es tut, 
               ist seine Welt in Ordnung.

Variante: Anspruch 
               Erwartung erfüllt oder nicht (-+) 
               Psychosoziale Problematik (++)
              Aus dem Alltag: Sonia macht wegen ihrer Depressionen 
              eine Therapie. Als sie Rainer darum bittet, zukünftig 
              selbst seine Hemden aus dem Schrank zu 
              holen, schmollt er drei Tage lang.

Ob eine Erwartung auf einer bloßen Vermutung beruht oder ob ein Anspruch dahintersteckt, zeigt sich, wenn die Erwartung enttäuscht wird.

- Eine Erwartung, die sich als irrige Vermutung entpuppt, wird 
   ohne emotionalen Aufwand korrigiert; 

- oder die überraschende Erkenntnis des Irrtums führt gar zu Heiterkeit

-  Beim Anspruch fühlt sich der, dessen Erwartung unerfüllt bleibt, 
   zurückgewiesen oder abgewertet. Er zieht sich gekränkt zurück, 
   oder macht Druck, um seinen Anspruch durchzusetzen.

- Irrtümliche Vermutungen machen wenig Probleme, 

- Ansprüche umso mehr. Selbst wenn ein Anspruch konfliktfrei 
  erfüllt wird, hat er unerwünschte Nebenwirkungen. 
  Er fixiert die Beziehungspartner in ein starres System. 
  Wird er nicht erfüllt, kommt  es zu 
   innerseelischen oder interaktionellen Konflikten.

3.2. Riskante Erwartungen
Je persönlicher eine Beziehung wird, desto riskanter ist es, den Anderen Erwartungen auszusetzen, hinter denen Ansprüche stehen. Nicht weil der Andere zu schlecht wäre, als dass man von ihm etwas erwarten könnte. Das wird er in der Regel nicht sein. Ansprüchliche Erwartungen führen jedoch zu eigener Passivität; und sie vergiften Beziehungen.

Wer etwas erwartet, ist in einer Warteposition. 
Statt im eigenen Interesse zu handeln, erwartet er, dass andere etwas für ihn tun: 
 - sich nämlich so zu verhalten, wie es zu den unerfüllten Bedürfnissen des 
    Wartenden passt. So macht er sich abhängig. 

 - Abhängigkeit führt zum Gefühl der Ohnmacht und, falls das Erwartete ausbleibt, 
    zu Aggression.

Abwehrmechanismus
Ansprüchliche Erwartungshaltungen sind im Alltag weit verbreitet. Kaum jemand beachtet, dass dahinter ein unreifer Abwehrmechanismus steckt: die Projektive Identifikation. Durch Erwartungen, die als Anspruch empfunden werden, steigt man über den Zaun und wildert im Nachbarsgarten. Und der Nachbar hat gefälligst anzubauen, was man selbst am liebsten isst.

Zwietracht
Zwietracht klingt so, als trachteten zwei Leute nach Verschiedenem. Faktisch ist es bei der Zwietracht so, etymologisch nicht. Tatsächlich geht das -tracht in Zwietracht nicht auf trachten, sondern auf tragen zurück. Während eine bestimmte Vorstellung vom Leben bei der Eintracht von beiden getragen wird, ist das bei der Zwietracht nicht der Fall.
Gehört eine normative Erwartung zum Weltbild des einen, ohne dass die Setzung vom anderen mitgetragen wird, entsteht Zwietracht.
Zwietracht klingt so, als trachteten zwei Leute nach Verschiedenem. Faktisch ist es bei der Zwietracht so, etymologisch nicht. Tatsächlich geht das -tracht in Zwietracht nicht auf trachten, sondern auf tragen zurück. Während eine bestimmte Vorstellung vom Leben bei der Eintracht von beiden getragen wird, ist das bei der Zwietracht nicht der Fall.
Gehört eine normative Erwartung zum Weltbild des einen, ohne dass die Setzung vom anderen mitgetragen wird, entsteht Zwietracht.

Zwei Pole des Erwartens
Erwarten ist nicht gleich erwarten. Das Warten kann aus einer passiv-ergebenen Haltung heraus geschehen. Bleibt das Erwartete aus, führt das zur Resignation. Oder dem Erwarten ist ein Bewirkenwollen beigemischt. Dann ist das Erwarten fordernd. Aus der Forderung entsteht Zwietracht.

Zwei Formen des Bewirkens
Reifes Muster, Unreifes Muster
- Je reifer man ist, desto mehr versucht man, Bedürfnisse und 
  Wünsche durch eigene Fähigkeiten zu erfüllen. 

- Je unreifer man ist, desto mehr spannt man andere für 
  die Erfüllung von Bedürfnissen und Wünschen ein.

- Im reifen Muster strebt man nach Selbständigkeit. 
   Man wirkt aus eigener Kraft unmittelbar auf die Wirklichkeit ein. 

- Im unreifen Muster bleibt man abhängig
  Man wirkt selektiv, also einseitig mit gezielter Beeinflussungs­absicht 
  auf den Anderen ein. 

- Das reife Muster setzt an überpersönlichen Tatsachen an
- Das unreife Muster setzt am Gegenüber an
   ohne das Gegenüber als solches zu achten.

- Das reife Muster setzt frei

- Das unreife Muster vereinnahmt.

Zwei Muster der Beziehung:
- Ich lasse Dich sein, wie Du bist… 
- Ich erwarte von Dir, dass…

Etwas vom Anderen zu erwarten, führt beim Anderen zu einer Zuspitzung eines Grundkonflikts. Wer etwas erwartet, weist dem Anderen eine bestimmte Rolle zu. 
Da der Impuls zur Selbstbestimmung angeboren ist, aktiviert er damit Widerstand. 
Der Andere fühlt sich durch die Erwartung in seiner Freiheit eingeschränkt. Entweder, er verweigert das Erwartete, um seine Autonomie zu bewahren, oder er beugt sich im Interesse der Zugehörigkeit. Beugt er sich, wird er den Verlust an Autonomie an anderer Stelle in Rechnung stellen.

3.3. Kinder und Erwachsene
Kinder sind von der Hilfe ihrer Eltern abhängig. Vieles können sie nicht selbstständig erreichen. Dementsprechend sind viele Erwartungen von Kindern an Erwachsene ein stimmiger Ausdruck ihres Wesens. Werden kindliche Erwartungen zu früh und zu drastisch enttäuscht, weil ihre Eltern von ihrer Rolle überfordert sind oder schlichtweg zu egoistisch, um Elternpflichten zu erfüllen, wird die kindliche Entwicklung gestört.

Statt unter dem Schutz achtsamer Eltern Mut und Selbständigkeit zu entwickeln, verlieren solche Kinder das Vertrauen in den guten Gang der Dinge. Sie werden übervorsichtig. Statt eigene Fähigkeiten auszutesten und durch ein ausgewogenes Wechselspiel von Erfolg und Scheitern persönlich auszureifen, verlassen sie sich lieber auf andere.

Die Psychologie spricht von einer Fixierung. Das Festhalten an der kindlichen Vorstellung, dass es fürsorgliche andere geben sollte, die sich um das Wohl des Fixierten kümmern, führt in einen Kreislauf, der das Problem vertieft.

Statt sich auf den Erwerb eigener Fähigkeiten zu konzentrieren, und dazu gehört auch die Fähigkeit, es gelassen hinzunehmen, wenn Bedürfnisse vorerst unerfüllt bleiben, spezialisiert sich so mancher auf die Techniken der Manipulation.

Wer solche Techniken gut beherrscht und ein geeignetes Gegenüber findet, das unter Trennungs­ängsten leidet, kann damit recht erfolgreich sein. Auf Dauer werden asymmetrische Beziehungen, bei denen der eine den anderen für seine Bedürfnisse vereinnahmt, jedoch zerrüttet.

4. Ansatzpunkte
Erwartungshaltungen entsprechen einer passiven Grund­position. Die fordernde Erwartungshaltung (englisch demanding dependency) wird aber erst durch ihre aktive Komponente wirklich problematisch. Um das Grundprinzip zu verstehen, das diese Art des Bewirkenwollens von der unproblematischen Art unterscheidet, gilt es zwischen den zwei Polen der menschlichen Existenz zu unterscheiden.

Riskante Methoden der fordernden Erwartungshaltung
- demonstratives Leiden
- Erpressung
- Verführung
- eifersüchtig machen
- Vorwürfe
- Intrigen
- Trennungsdrohungen
- Vergleiche mit früheren Partnern
- taktischer Liebesentzug
- verheimlichen wichtiger Informationen

Vorwurf
Hinter jedem Vorwurf steckt eine normative Erwartung. 
Wird jemandem eine Schuld vorgeworfen, ergibt sich daraus nahtlos die Erwartung, dass er sie begleicht. Jeder Vorwurf ist ein Habenwollen.

Der Mensch ist Subjekt und Objekt zugleich
Zum Wesen des Subjekts gehört eine besondere Dynamik. Zum einen ist es den Dingen ausgeliefert, zum anderen kann es sein Wesen nur erfüllen, wenn es die Erlösung aus dem Ausgeliefertsein betreibt. Daher liegt das Bedürfnis nach Selbstbestimmung im Wesen der Subjektivität verankert.
Je intimer eine zwischenmenschliche Beziehung ist, desto mehr gerät sie zu einer Begegnung zweier Subjektivitäten.

Da in der intimen Beziehung aber das Subjekt angesprochen ist, wirkt die Zuweisung einer objektiven Funktion durch eine Erwartung zerstörerisch. Je intimer eine Beziehung werden soll, desto mehr muss sie das ursprüngliche Sosein des Anderen beachten
Begegnen sich Menschen nicht als Subjekte, sondern liegt der Schwerpunkt auf dem objektiven Pol, dann sind Erwartungen weniger problematisch. Der Schwerpunkt liegt auf dem objektiven Pol, wenn man sich im Rahmen definierter Rollen begegnet.

Dass ein Kunde vom Verkäufer Beratung erwartet, wird das Verhältnis kaum trüben, ebenso wenig wenn ein Kellner vom Gast normativ erwartet, dass er die Speisen bezahlt.

Das Erläuterte zeigt zweierlei:
Die Erwartung des Kellners ist nicht unreif, da sie sich nicht an das Subjekt des Gastes richtet, sondern an dessen objektive Rolle als Gast.

Der Unterschied zwischen reifem und unreifem Bewirken liegt am Angriffspunkt der Aktivität. Die fordernde Erwartungshaltung ist verfehlt, weil sie ein Subjekt ohne Erklärung zum Objekt macht.

4. Antizipatorische GrundmusterMenschen neigen zu unterschiedlichen Grundmustern bei der Formulierung antizipato­rischer Erwartungen. Es gibt Optimisten, Pessimisten und Realisten. Die Wahl des Musters kann über das ganze Leben entscheiden.

4.1. Optimismus
Der Optimist glaubt, die Dinge laufen optimal (lateinisch optimus = der Beste). Optimal heißt: Gibt es in der Zukunft verschiedene Möglichkeiten, kommt es stets so, wie es für den Optimisten am besten ist.

4.2. Pessimismus
Pessimismus geht auf das lateinische pessimus zurück. Pessimus ist der Superlativ von malus = schlecht. Während der Optimist von der Zukunft erwartet, dass sie seine Wünsche erfüllen wird, erwartet der Pessimist das Gegenteil: die Verwirklichung all seiner Befürchtungen.

4.3. Realismus
Der Begriff Realismus geht auf das lateinische res = Sache zurück. Der Realist orientiert sich nicht an Hoffnungen, Wünschen und Befürchtungen, sondern an Tatsachen, die er feststellen kann.

Während das Beste und das Schlechteste Bewertungen sind, also Vorstellungen und Urteile im Kopf des Bewerters, liegen Tatsachen in der Wirklichkeit. Dort sind sie Leitschnur… für den, der sie beachtet.

Optimismus hat unter Psychologen mehr Fürsprecher als sein trüber Gegenpol: der Pessimismus. Doch Vorsicht: Optimismus ist nur dort behilflich, wo Realismus das Terrain bereits erkundet hat. Wer mit einem Es wird schon gut gehen! in die Eigernordwand steigt, könnte dort Dinge erleben, die er als Pessimist nicht einmal befürchtet hätte.

5. Antizipatorisches Defizit, pathologisch
Antizipatorische Erwartungen führen umso weniger in die Irre, je realistischer die Wirklichkeitseinschätzung dessen ist, der sie hegt. Faktoren, die zu unrealistischen Einschätzungen der Wirklichkeit beitragen, führen dementsprechend zu gehäuftem Scheitern.

Schicksalhaft können Intelligenzdefizite sein. Wer den Zahlenraum nur bis 100 beherrscht, kann die Chancen eines Geschäftsmodells schlecht einschätzen. Möglicherweise erwartet er Unmögliches.
Unerfahrenheit gehört zur Jugend wie die Glatze zum Alter. Die bloße Tatsache, erst zwanzig zu sein, kann dazu führen, dass man die Fliehkraft in einer Haarnadelkurve falsch einschätzt.
Hat der junge Mann den Crash überlebt, heißt das nicht, dass aus ihm ein guter Fahrer wird. Erfahrungen führen nur dann zu einem Lerneffekt, wenn man die Schuld an einem Scheitern nicht von sich weist. Der junge Mann in unserem Fall ist leider von der Sorte, die genau das tut.
Suchtmittelkonsum bremst psychologische Entwicklungen aus. Erfahrungen werden vermieden oder sie finden keinen Niederschlag im Erfahrungsschatz. Ein Trinker mag mit 40 aussehen, als sei er 50. Vom Reifegrad her ist er 30. Nach der Entgiftung hat er unrealistische Erwartungen an sein abstinentes Leben.
Jedes Scheitern durch irrige antizipatorische Erwartungen untergräbt Zuversicht und Selbstwertgefühl. Es drohen Depressionen und Ängste.

5.1 Normativer Überschuss
Bestimmte Persönlichkeitsvarianten sind ohne einen Überschuss an normativen Erwartungen nicht denkbar.

Die narzisstische Persönlichkeit erwartet, bewundert zu werden.
Die histrionische Persönlichkeit erwartet die Aufmerksamkeit aller.
Die paranoide Persönlichkeit geht davon aus, dass an jedem Quäntchen Unglück, das sie trifft, das Umfeld schuld ist. Sie erwartet, dass es seine Schuld begleicht.
Die emotional-instabile Persönlichkeit erwartet vom Partner absoluten Gleichklang in allen Lebenslagen.
Die abhängige Persönlichkeit erwartet, dass andere für sie entscheiden.
Eine Sonderstellung nimmt die depressive Persönlichkeit ein. Sie erwartet vordergründig nicht, dass man ihre Erwartungen erfüllt. Sie verhält sich vielmehr so, als sei die Erfüllung der Bedürfnisse und Erwartungen anderer Gesetz. Ihre normative Erwartung, dafür gehörigen Dank zu erhalten, liegt aber stets sprungbereit auf der Lauer.

6. Auswege
Normative Erwartungen formuliert man als Täter. Kaum jemand ist davon völlig frei. Fast jeder macht sich im Kopf zu einem Regisseur, der das Verhalten anderer bestimmen will und steuernd reagiert, wenn der Andere vom Drehbuch abweicht. Das ist ein Übel.

Normativen Erwartungen ist man aber auch als Opfer ausgesetzt. Kaum jemand lebt in einem Umfeld selbstlos liebevoller Menschen. Fast jeder sieht sich mit Erwartungen konfrontiert und mit übergriffigen Reaktionen, wenn er sie nicht erfüllt. Das kann zu einer Plage werden.

Da normative Erwartungen das seelische Gleichgewicht bedrohen, Beziehungen zerrütten und die Kommunikation in Sackgassen führt, sucht so mancher einen Ausweg. Für Täter und Opfer seien Möglichkeiten dazu angedeutet…

6.1. Täter

Größe erhebt keinen Anspruch. Das gilt selbst für Götter. Ein Gott, der Ansprüche erhebt und seine Entscheidungen danach ausrichtet, ob sie erfüllt werden oder nicht, ist nicht groß, sondern abhängig. Er wird von dem bestimmt, was an­dere tun. Was für Götter gilt, gilt für Menschen erst recht.

Grundregel
Statt die Freiheit des Anderen zu beschränken, befreien Sie sich selbst aus Ihren Schranken. Denn: Wer die Freiheit des Anderen beschränkt, macht sich unbeliebt. Wer den Mut zu freiem Handeln hat, wird respektiert.

Nichts….
… wünscht sich das Selbst des Menschen mehr, als es selbst zu sein und nichts fürchtet sein Ego mit gleicher Wucht als eben das. Deshalb ist die Versuchung des Menschen groß, die Treue zu sich selbst gegen Schutz und Zugehörigkeit zu tauschen, wenn er Erwartungen des Umfelds gegenübersteht, die genau besehen ihn selbst verneinen.
Da niemand, der sich selbst verleugnet hat, es gerne sieht, wenn andere in Treue zu sich halten, geht von dem, der sich normativem Druck des Umfelds beugt, der Anspruch aus, dass andere das Gleiche tun.

Wenn man nicht die Kraft hat, alle Erwartungen zu erfüllen, muss man den Mut haben, es nicht zu tun.

Respektieren Sie das Selbstbestimmungsrecht der anderen. Unterlassen sie alle Versuche der Manipulation und erst recht jede Drohung. Statt dem Anderen die Freiheit streitig zu machen, genau das zu tun, was er für richtig hält, nehmen Sie sich selbst die Freiheit, konsequent im eigenen Interesse zu handeln.

Sie sind unzufrieden mit dem Beitrag, den Ihr Partner im Haushalt leistet. Sie haben ihn darauf angesprochen, um einen Kompromiss zu finden. Ihr Partner hält Absprachen jedoch nicht ein. Die meiste Arbeit bleibt an Ihnen hängen. Falsch wäre es, über das Thema zu streiten. Besser ist, keine Hemden mehr für ihn zu bügeln.

Indem Sie die Hemden liegen lassen, sparen Sie Arbeit ein. Das gestörte Gleichgewicht des Gebens und Nehmens wird um das Gewicht des eingesparten Bügelns ausgeglichen. Indem die Hemden liegen bleiben, entstehen Tatsachen, denen Ihr Partner schwerer ausweichen kann, als beschwörenden Worten. Vermutlich wird er bald aktiv.

6.2. Opfer
Sehen Sie sich mit Erwartungen des Umfelds konfrontiert, gilt es zunächst zu unterscheiden.

Welche Erwartung ist für Sie stimmig?
Welche halten Sie für unangemessen?
Wenn Sie Erwartungen erfüllen, die Sie für stimmig halten, wird das zu Ihrem Vorteil sein. Problematisch wird es, wenn Ihnen eine Erwartung unberechtigt erscheint. Dann stellt das Leben Sie vor die Wahl…

Um die Bindung zu sichern, tun Sie, was Ihrem Wesen widerspricht.
Sie bleiben sich treu und halten den Druck des Anderen aus.

Das Erstere wird gelegentlich weise sein. Das Letztere fällt umso leichter, je weniger Sie Ihrerseits den Anderen mit normativen Erwartungen bedrängen. Erwarten Sie von ihm, dass er jede Ihrer Entscheidungen für gut befindet und Sie stets bejaht, führt das in eine Verstrickung wechselseitiger Bemächtigungsversuche.

Erlauben Sie dem Anderen, dass er emotional so reagiert, wie ihm tatsächlich zumute ist. Dann werden auch Sie dazu befreit, Sie selbst zu sein

Admin - 14:11:27 @ narzisstisches Verhalten